Was ist Philosophische Praxis?

Philosophische Lebenshilfe

Als Philosophische Praxis werden bestimmte Formen der außerakademischen philosophischen Tätigkeit bezeichnet. Von Bergisch Gladbach in Deutschland ausgehend etablierte sich der Berufszweig seit den 1980er Jahren. Der Begriff „Philosophische Praxis“ wurde von Gerd Achenbach 1981 mit der weltweit ersten Gründung einer solchen Einrichtung geprägt. Im darauffolgenden Jahr 1982 gründete Achenbach die Gesellschaft für Philosophische Praxis (GPP), welche 1997 in die Internationale Gesellschaft für Philosophische Praxis (IGPP, www.igpp.org) unbenannt wurde. Die IGPP trägt neben regelmäßigen Kolloquien auch mit Jahrbüchern zur Aufrechterhaltung des Diskurses und zur Information über aktuelle Tätigkeiten Philosophischer Praktiker*innen bei. 

Auf Achenbach zurückgehend versteht sich die Philosophische Praxis in ihren Ursprüngen als philosophische Beratung. Achenbach hatte schon in den frühen 1980er Jahren damit begonnen, sich das theoretische Fundament für das Konzept zu erarbeiten. Philosophische Praxis biete nach ihm Lebensberatung für Menschen mit dem Hauptmotiv, verstehen zu wollen und verstanden werden zu wollen:

„Sie ist eine Einrichtung für Menschen, die Sorgen oder Probleme quälen, mit ihrem Leben ,nicht zurechtkommen‘ oder meinen, sie seien irgendwie ,steckengeblieben‘, die von Fragen bedrängt werden, die sie weder lösen noch loswerden; die […] ahnen, daß ihre Lebenswirklichkeit ihren Möglichkeiten nicht entspricht. In der Philosophischen Praxis melden sich Menschen, denen es nicht genügt, nur zu leben oder bloß durchzukommen, die sich vielmehr Rechenschaft zu geben suchen über ihr Leben und sich Klarheit zu verschaffen hoffen über dessen Kontur, sein Woher, Worin, Wohin.“¹

Selbstständiges Denken

Der Erfolg dieses Konzepts der philosophischen Beratung hat nicht lange auf sich warten lassen. Bereits Ende der 1980er Jahre fand die Philosophische Praxis internationale Verbreitung. Im englischsprachigen Raum hat sich für den Berufszweig neben Philosophical Practice und Philosophy Practice vor allem auch die Bezeichnung Philosophical Counseling durchgesetzt. Die Philosophische Praxis aber gibt „das Richtige“ nicht vor, sondern ist Beratung nur in dem Sinne, in dem der Gast aufgefordert ist, selbstständig mitzudenken. Der Ansatz ist, in die eigenständige Bewegung des Denkens zu kommen und dazu befähigt zu werden, sich die Antworten auf die Fragen selbst zu geben oder zumindest mehr Klarheit, Orientierung und neue Perspektiven durch den dialogischen Austausch zu bekommen. Die philosophische Reflexion kann dabei unterstützen, sich selbst und die entsprechenden Themen in einem größeren Kontext einzuordnen, diese dadurch besser zu verstehen oder zu akzeptieren und idealerweise auch zu bewältigen.

Die Philosophische Praxis fällt nicht in den Bereich der Angewandten Philosophie. Die Angewandte Philosophie, wie beispielsweise die Medizinethik, untersucht ethische Theorien methodisch und systematisch in Anwendung auf konkrete Fälle. In der Philosophischen Praxis wird nach Achenbach die Philosophie jedoch nicht „angewandt“. Die Angelegenheiten des Gastes werden auch nicht z.B. mit Platon „behandelt“:

„Lektüren sind keine Heilmittel, die sich verordnen ließen. Geht denn jemand zum Arzt, wenn er krank ist, um sich medizinische Vorlesungen anzuhören? Also wird auch der Besucher der Praxis vom Philosophen nicht belehrt, etwa gar mit klugen Worten abgespeist, schon gar nicht mit „Theorien” bedient, sondern die Frage ist, ob der Philosoph seinerseits durch seine Lektüre klug und verständnisvoll und aufmerksam wurde […] und ihn so vielleicht zu anderen Einschätzungen des Lebens und seiner Umstände zu bewegen.“²

Abgrenzungen zu anderen Beratungsformen

Das Finden einer genauen Definition und eines gemeinsamen Selbstverständnisses sowie Differenzierungen und Abgrenzungen zu anderen Beratungsformen wie die Psychotherapien, das Coaching oder die Lebensberatung sind innerhalb des Berufszweigs noch nicht abgeschlossen. Gegenstände der Diskussionen sind seit je her was denn einen Philosophen kennzeichnet, wer sich auf Basis welcher Qualifikation so nennen darf und was zum Philosophieren dazugehört oder dessen Kern ausmacht. Philosophie wurde immer schon auf vielfältige Weise verstanden und dies wurde auch auf die Philosophische Praxis übertragen. Gerade weil ihr Zugang zur Praxis philosophisch ist, wird auch in ihr immer wieder diskutiert werden, was denn das eigentliche Philosophische daran ist. Angebote und Ausübungsformen einzelner Praktiker*innen unterscheiden sich daher oft stark voneinander und hängen von dem jeweiligen persönlichen Hintergrund der Ausbildung ab.

In ihrem Selbstverständnis stimmt der Berufszweig der Philosophischen Praxis immerhin auf die lebenspraktische Relevanz des Philosophierens überein. Es geht darum, Philosophie nicht nur als eine Wiedergabe allgemeiner Theorien für ein universitäres Fachpublikum zu betreiben, sondern den Schatz an Lebensweisheiten, den sie birgt, auch für Menschen ohne philosophisches Fachwissen zugänglich zu machen. Damit findet die Philosophie wieder zu der Quelle zurück, aus der sie einst entsprungen ist: Das Leid des Menschen und seiner Sehnsucht, es zu begreifen. Denn die Philosophie hat im Grunde immer schon Fragen und Probleme untersucht, die Menschen auch heute noch beschäftigen: Wie sieht ein gutes Leben aus? Was ist gut? Worum geht es im Leben? Warum bin ich hier? Warum sollte ich das Richtige tun? Was ist überhaupt das Richtige? Gibt es einen Sinn? Wer bin ich? etc.. Fragen dieser Art beleben die Philosophische Praxis. Sie konfrontieren die Praktikerin mit der Aufgabe, sich unabhängig allgemeiner bestehender Theorien mit dem konkreten Anliegen der Person im Hier und Jetzt auseinanderzusetzen und gemeinsam mit ihr die Fragen oder Schwierigkeiten philosophisch zu überprüfen. 

Die Philosophische Praxis kann man wohl insgesamt in dem sokratischen Gedanken zusammenfassen, dass ein nichtgeprüftes Leben nicht lebenswert sei. Generell wird in der Philosophischen Praxis viel Rekurs auf die sokratischen Ursprünge der Philosophie genommen. In ihrer weiteren Entwicklung hat darüber hinaus auch das Sokratische Gespräch eine wichtige Rolle gespielt. Heute bietet der Berufszweig ein breites Spektrum an Angeboten. Angefangen von philosophischen Cafés, Salons, Lesekreisen, Wanderungen und Reisen, über Seminare, Vorträge, Workshops, Hochzeiten, Trauerreden, Brief- bzw. Emailwechsel, Philosophieren mit Kindern, Jugendlichen, Sozialfällen oder Senioren bis hin zu praktischer Tätigkeit in Wirtschaftsunternehmen und Institutionen etc. Neben dem Dialog als individuelle Beratung oder Gruppengespräch liegt demnach auch ein Schwerpunkt auf Bildung durch die Vermittlung philosophischer Gedanken.

Methodischer Zugang

Schließlich ist noch zu erwähnen, dass sich die Herangehensweise von Philosophischen Praktiker*innen grundsätzlich in zwei unterschiedliche Strömungen einteilen lässt. Während die eine Seite eine bestimmte Methode verfolgt oder selbst entwickelt hat, so plädiert die andere Seite für eine genuine Methodenfreiheit in ihrer Tätigkeit. Achenbach und seine Schüler zählen zu letzterer Seite, insofern Achenbach sich in seiner praktischen Tätigkeit von jeglichen Methoden distanziert. Das mache nach Achenbach einen großen Unterschied vor allem zu den Psychotherapien aus. Der psychologische Blick sei darauf trainiert, psychisch bedingte Fatalitäten in spezieller Weiser wahrzunehmen – denn „der Psychologe und Psychotherapeut ist Spezialist, und […] der Philosoph Spezialist fürs Nichtspezielle, sowohl fürs Allgemeine und Übersichtliche […], ebenso aber fürs Widersprüchliche und Abweichende und mit besonderem Nachdruck: fürs Individuelle und Einmalige.“³ 

Der Besucher der Philosophischen Praxis wird auf diese Weise nicht theoriegeleitet, d.h. schematisch anhand eines bestimmten wissenschaftlichen Modells verstanden. Er gilt auch nicht als Fall einer Regel oder kann auf Basis bestimmter Kriterien eingeordnet und diagnostiziert werden: „Kein ,Maßstab‘ befindet über ihn (auch nicht der einer ,Gesundheit‘), sondern die Frage ist, ob er sich selbst angemessen lebt – mit Nietzsche berühmt gewordenem Wort: ob er wurde, der er ist.“⁴ Der Besucher wird als der Einzelne wahrgenommen und gehört, der er ist. In diesem Sinne habe die Philosophische Praxis auch nicht den primären Zweck Probleme zu lösen, sondern einen offenen Raum zu bieten, in dem die Problemstellung thematisiert und ernsthaft bedacht werden kann. Der Praktiker kann seinen Besucher bei der Klärung seines Problems unterstützen, ihm durch die tiefgründige Reflexion und das Aufzeigen neuer Perspektiven auf das Thema dabei helfen, damit „zurecht zu kommen“ und wieder „weiter zu wissen“. Ob sich daraus eine Lösung ergibt oder nicht, ist nicht Teil der dialogischen Leitidee.⁵ 

Auch Anders Lindseth legt in der Tradition Achenbachs Wert darauf, unabhängig von Methoden zu sein, insofern das Ernstnehmen des Praxisbesuchers und das Bedenken seiner Erfahrungen nicht planmäßig und methodisch in Angriff genommen werden kann. Was jedoch nicht heißt, dass der Praktiker in der Begegnung mit den Erzählungen seiner Besucher orientierungslos umherirrt: „Es heißt vielmehr, daß er in dieser Begegnung seine Orientierung immer wieder finden muß, daß er sie also nicht von vorneherein haben darf“⁶

Demgegenüber stehen bekannte Praktiker wie z.B. Peter Raabe, Ran Lahav, Lou Marinoff, Lydia Amir oder Oscar Brenifier, die einen je eigenen methodischen Zugang in ihrer Tätigkeit verfolgen und die Philosophische Praxis sehr wohl auch unter dem Gesichtspunkt betrachten, dass diese den Zweck haben kann, Probleme zu lösen (selbst wenn es nur darum geht, dass dem Ratsuchenden das philosophische Instrumentarium beigebracht wird, mit dem er seine Probleme auch selbstständig lösen kann). Für Tim le Bon gilt sogar die philosophische Beratungstätigkeit als „Therapie“.⁷ 

Würdigung der Autonomie

Die Philosophische Praxis hat anders als andere Disziplinen nicht genuin den Anspruch, psychische Symptome zu „therapieren“ oder den Gast zu „heilen“. Es wird von der Würdigung der Autonomie und Selbstverantwortung des Gastes ausgegangen. Der Gewinn von Erkenntnis hat in der Philosophischen Praxis einen Wert an sich, da er den Gast in die Selbstbestimmung führt. Erkenntnis allein kann schon eine große Bewegung und Veränderung in das Leben des Gastes bringen, ohne dass die Erwartung an die Praktikerin gerichtet wird, dass dieser für die Heilung des Gastes verantwortlich ist.

Darüber hinaus besteht eine Chance darin, vielleicht anders und tiefgreifender als andere Disziplinen, die zugrundeliegenden gesellschaftlichen Strukturen und die Auswirkungen auf das Selbst kritisch in den Blick zu nehmen und sich dadurch in einzelnen Momenten aus gesellschaftlichen Dynamiken zu befreien. Als genuin freie, von politischen, wirtschaftlichen, sozialen oder pharmazeutischen Institutionen weitgehend unabhängige Disziplin kann die Philosophische Praxis nicht nur an einer Veränderung der Haltung zu den gegebenen Strukturen arbeiten. Sie kann den Gast auch zur intrinsischen Motivation befähigen, die Strukturen verändern zu wollen. 

Statt sich damit zufriedenzugeben, regiert zu werden, also Machtbeziehungen passiv über sich verfügen zu lassen, bin ich davon überzeugt, dass die Philosophische Praxis dazu beiträgt, die Ethik und damit auch die Freiheit von Individuen auszubilden. Dieser Begriff von Ethik meint das ethos im Sinne einer reflektierten Lebensführung, oder im Sinne einer individuellen Lebenskunst, welche die Individuen dazu befähigt, sich selbst zu führen und in ein kritisches Verhältnis zu anderen zu setzen. Diese Haltung ist im philosophischen Kontext nach Michel Foucault die „Sorge um sich“ (Selbstsorge), die sich um innovative Weiterentwicklung und Veränderung herrschender Strukturen und Normen durch die Veränderung hin zu einer verantwortungsbewussten Unabhängigkeit auf Seiten der Individuen selbst bemüht. 

¹ Achenbach 2010, Zur Einführung der Philosophischen Praxis. Vorträge, Aufsätze, Gespräche und Essays, mit denen sich die Philosophische Praxis in den Jahren 1981 bis 2009 vorstellte. Eine Dokumentation. Köln, Dinter: 15
² Achenbach 2010: 17
³ Achenbach 2010: 17
⁴ Achenbach 2010: 17
⁵ Achenbach 2010, Zur Einführung der Philosophischen Praxis. Vorträge, Aufsätze, Gespräche und Essays, mit denen sich die Philosophische Praxis in den Jahren 1981 bis 2009 vorstellte. Eine Dokumentation. Köln, Dinter, 59
⁶ Lindseth 2005, Zur Sache der Philosophischen Praxis. Philosophieren in Gesprächen mit ratsuchenden Menschen. Freiburg/München, Karl Alber: 12
⁷ vgl. le Bon 2001, Wise Therapy. Los Angeles, Sage